Fragen zum Verhältnis von Figur und Grund

Seit Monaten fasziniert mich die Frage nach dem Verhältnis von Figur und Hintergrund (Negativer Raum) in der Gestaltung von Flächen oder Objekten. Mich interessiert besonders der Negative Raum, wie er sich auswirkt, ob ich beeinflussen kann, dass er als solcher wahrgenommen wird oder zur Figur wird, in wieweit eine definierte Kontur tatsächlich gegeben sein muss und was eigentlich passiert, wenn die Figur den Hintergrund umschließt bzw. der Hintergrund durch die Figur zweigeteilt wird.

Figur? Grund?

Diese für mich spannenden Fragen werden zum Teil in der Psychologie, zum Teil in der Kunsttheorie behandelt.

Gründlich hat sich schon 1915 Edgar Rubin in seinem Buch Visuell wahrgenommene Figuren: Studien in psychologischer Analyse damit beschäftigt. Er ist auch der „Erfinder“ des bekannten Vexierbildes aus zwei Profilen/ einer Vase, welches Vorgänge unserer Wahrnehmung genau in diesem Zusammenhang zeigt.
Auch Rudolf Arnheim behandelt das Thema in seinem sehr umfassenden und lesenswerten Werk Kunst und Sehen von 1954 ab Seite 223.

Das Programm Obsidian und Luhmanns Zettelkasten

Daneben versuche ich, mir die Software Obsidian (ein lokal speicherndes Notizverwaltungsprogram) zu erschließen, indem ich mit dessen Hilfe die Informationen zum Thema Figur und Grund strukturiere. Wegen der eleganten Verlinkungsmöglichkeiten in Osidian ist es möglich, sich im Thema nach der Art von Niklas Luhmanns Zettelkasten zu bewegen. Das wollte ich schon immer mal ausprobieren.
Darauf näher einzugehen würde hier zu weit führen, ich habe euch aber Links eingebaut für diejenigen, die mehr über diese Themen erfahren möchten.

Was versteht man unter Figur und Grund?

Die Begriffe »Figur« und »Grund« bezeichnen ein geschlossenes, gleichförmiges Muster in einer ebenso gleichförmigen, endlosen Umgebung. Aber die Umstände sind selten so einfach.(Rudolf Arnheim, Kunst und Sehen, 1954, S.228)

Im Verhältnis der eigentlichen Figur zum umgebenden Feld erscheint der Negative Raum als „zufällige Folge der Form der Figur“, eher ein flüchtiger Eindruck von Teilflächen, die wir gar als Nichts, als bloße Leere abtun, während wir der Figur, dem Motiv unsere ganze Aufmerksamkeit schenken. (Rubin, S.45)

Filmplakat, Urheber nicht feststellbar

Man könnte auch genau umgekehrt sagen, die Figur existiere nur, weil der Negative Raum sie formt und definiert.

Wie entscheidet unser Gehirn, was wir als Figur betrachten?

Bei Figuren, die einen erkennbaren, benennbaren Gegenstand, ein Ding darstellen, ist diese Entscheidung offensichtlich, wir erkennen etwas Bedeutsames, Bekanntes wieder, und das ist immer mächtiger als Neues oder Fremdartiges
Im Falle abstrakter Formen nehmen wir bevorzugt kleine, geschlossene Flächen ohne wesentliche Ausläufer als das eigentliche Motiv wahr, noch bevor unser Bewusstsein eingreifen kann. (Rubin 1915, S 67ff).
Auch die Existenz einer Kontur spielt eine Rolle. Sie wird automatisch der Figur zugerechnet, was in dem oben erwähnten Vexierbild zu Konflikten führt, da hier die Figuren um jeweils eine gemeinsame Kontur konkurrieren.

Aber was ist mit dem Hintergrund?

Objektiv betrachtet, ist auch der Hintergrund oft ein Ding: eine Fläche aus Papier, Leinwand oder Holz. Aber sobald wir die Figur betrachten, tritt der Hintergrund zurück, er wirkt formlos oder nur locker gefügt, und die Unschärfe unseres Gesichtsfeldes zu den Rändern hin verstärkt diese Wirkung noch.
Die Figur wirkt dagegen farblich intensiver (generiert sogar komplementäre Nachbilder auf der Netzhaut) und bleibt besser im Gedächtnis.


Dabei hat der Negative Raum durchaus beträchtliche Auswirkungen. Ohne ihn ist die Figur nicht denkbar, sie benötigt den Hintergrund, um sich abzugrenzen. Man könnte ihn verstehen als rhythmisierendes Element zwischen den Dingen, verantwortlich für Spannung und Balance in einem Bild. Ist zum Beispiel der Hintergrund im Verhältnis zur Figur zu groß, wirkt sie prominent oder verloren, ist er zu eng, wirkt sie monumental und schwer oder eingeklemmt.

Fazit

Unsere Wahrnehmung strebt danach, aus dem vorhandenen visuellen Angebot die einfachste, prägnanteste Form zu bilden.
Jedoch ergibt erst das Zusammenspiel von Form und Zwischenraum ein vollständiges Bild der Realität. Wer nur die Objekte beachtet, übersieht die Kraft, die sie hält.